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showcase beat le mot über 11 jahre freies theater, partizipationszwang und die kapitalhölle

Frage: Euch gibt es nun seit 11 Jahren, könntet Ihr etwas über die Entwicklung Eurer Ästhetik erzählen?



SCBLM: Angetreten sind wir mit der Feststellung, dass antiquiertes Regietheater blöde ist, nicht nur wie es aussieht, wir fanden auch den ganzen Produktionsprozess veraltet.



Frage: Und darum wolltet ihr eine Form von Anti-Drama erschaffen?



SCBLM: Die hauptsächliche Motivation war nicht das „alte“ Theater zu zerstören.. Es ging darum vieles anders zu machen. Nicht umsonst gründeten sich Mitte der 90er mehrere Theatergruppen in Giessen, wie Gob Squad, SheShePop oder Rimini Protokoll. Ein nahe liegendes Vorbild für uns alle waren Musikgruppen, die gemeinsam Ihre Musik schrieben und einspielten und dann zur Aufführung brachten. Dabei trieb uns der Gedanke Kunst in Gemeinschaft unhirarchisch entstehen zu lassen. Viel wichtiger als die Vorbildfunktion „Band“ war allerdings das Verhalten der Konzertbesucher für unsere Theaterauffassung.



Frage:Wie meint Ihr das jetzt?



SCBLM: Na ja, als Zuhörer bei einem Konzert hast Du einfach viel mehr Freiheiten. Du kannst der Band einfach nur rauchend zuhören, oder in den ersten Reihen zu der Musik abgehen, eintauchen in den Sound und die Masse. Du kannst Pausen machen, zur Bar gehen, die Toialette aufsuchen oder unauffällig verschwinden. Die Performance der Band unterscheidet sich formal kaum von dem Theaterspiel auf der Guckkastenbühne, sie spielt Frontal, von einer Bühne herab. Viel regulierter ist das Verhalten der Zuschauer im Theater, die dürfen ja eigentlich nur die Klappe halten und klatschen.



Frage: Gab es in Shakespeares Globe Theatre eigentlich Stühle?



SCBLM: Weiss nicht, glaube nicht, sonst hätten da doch nie 2700 Leute reingepasst.



Frage: Und wie sieht die inhaltliche Entwicklung Eurer Arbeit aus?



SCBLM: Zuerst haben wir, um vorgegebene Dramen und den Regiewahnsinn zu überwinden, damit begonnen unsere eigene Welt zu betrachten, in RADAR RADAR nichts ist egal waren das verschiedene Themen wie Telefonüberwachung, Sport, Desinformationsstrategien und die Beatniks. Es gab auch Autobiographische Züge in der Erzählung, aber diese Biopics waren immer erstunken und erlogen.



Frage: Hört sich nach Gemischtwarenladen an?



SCBLM: Ja klar, wir nannten das „the river of anything goes“. Es waren Nummernrevues, Vaudeville, zerfaserte Abende, die wie kleine Privatpartys funktionierten. Wir waren die Gastgeber und die Zuschauer durften auf Sofalandschaften lümmeln, rauchen, essen und in den Pausen mitspielen. Aber schon mit dem nächsten Stück haben wir uns in konzentrierterer Form einzelnen Themen hingegeben: Arbeitslosigkeit in Grand Slam, Macht und Individuum in Das Leben der Caesaren und Gomune, die Entstehungsgeschichte der Globalisierung in der Piraten-Trilogie und stattlicher verordneter Kapitalismus in Alarm Hamburg Shanghai.



Frage: Stattlich?



SCBLM: Ähh, staatlich natürlich.



Frage: Und wo würdet Ihr Euch heute sehen?



SCBLM: Diese Themenvielfalt und Präsentationsvariationen sind uns nach wie vor sehr wichtig, aber inzwischen machen die meisten freien Theatergruppen Stücke über sich und ihre Welt, und das bleibt dann irgendwo inhaltlich hängen und schmeckt schal. Darum wollen wir weiter gehen, tiefer eindringen, erforschen wie sich die Logik des Kapitals überall ausbreitet.



Frage: Ihr schaut euch also nach wie vor viel Theater an?



SCBLM: Geht so, natürlich versuchen wir so viel wie möglich zu sehen, weil Theater eine Kunstform ist die hervorragend Zeitgenössiches in sich aufnehmen kann. Theater ist aber auch eine Antwort, auf andere Stücke, ein Kommentar zur Gegenwart, ein Hassapparat und eine Beschleunigungsmaschine. Zur zeit beschäftigen wir uns mit dem narzistischen Glückszwang in der Kunst und dem Partizipationswahn im Theater.



Frage: Also gut, hier Eure Kommentar- Minute zum freien Theater:



SCBLM: In letzter zeit gibt es immer mehr Mitmachtheaterstücke die laut und spaßig sind, bunt und frech. Mir scheint es fast so, als ob da ein riesiger Theatervorhang an oberflächlicher Fröhlichkeit gewebt wird, der etwas zu verbergen hat, wo einen das Gefühl beschleicht, dahinter verbirgt sich eine grausame, brutal ausbeutende Wirklichkeit, die das Gegenteil von sexy, jung und authentisch ist, hinter dem Vorhang wird die dunkle Seite des Kapitals verborgen, aber keiner möchte den Vorhang aufziehen und Licht hereinlassen, alle wollen im grellen Licht der Aufmerksamkeit stehen und sich einen Sonnenbrand aus Subventionen abholen.



Frage: Mitmachtheater ist also nicht so Euer Ding?



SCBLM: gerade herrscht ein Zwang überall mitmachen zu müssen. Ins Elektrogeschäft kann ich nur voll informiert gehen, weil mich dort keiner bedient. Die Ikeabestellung muss ich selbst zusammenbauen. In Bank und Bahn bedienen mich Maschinen und jetzt muss ich auch noch im Theater mitmachen. Verdammt, die Leute sollen mal was richtig vorbereiten und erarbeiten und nicht bloß einen Rahmen schaffen. Ich will raus aus der kuratierten Welt, deren Themenvorgaben ich mich unterordnen muss.



Frage: Hier beginnt also Euer aktuelles Stück Vote Zombie Andy Beuyz?



SCBLM: Wir möchten jetzt nicht einfach sagen, das Stück handelt hiervon und davon, es geht nicht darum was es bedeutet, sondern wie es funktioniert. Wir haben einen Zuschauerraum aus Gerüsten geschaffen, der mit Dingen gefüllt ist. Der Aufbau erinnert an ein Warenlager, es ist ein bisschen wie die Innenseite des Kopfs von Andy Warhol.



Frage: Und Aussen ist Joseph Beuys?



SCBLM: Ja genau, Aussen ist das Ritual, die Twilight Zone, die Zombies, die, die nicht mehr mitmachen wollen, vom Karusell abgesprungen sind. Draußen sind die in sich gekehrten, die Ausgestoßenen. Die Meute draußen hat die Verbindungen gekappt, das Netzwerk zerschnitten. Schluss mit lustig, mit Biographismus und Emotionalismus, raus aus dem Verblendungszusammenhang.



Frage: Und was bedeutet das?



SCBLM: Man, hast Du nicht aufgepasst? Es geht nicht um einen plumpen Symbolismus, viel lieber will ich von den Eindrücken erzählen, die das Publikum zu berichten wusste: Ein Techniker sagte, dass der Abend für ihn wie ein Krimi ist, niemand weiß was als nächstes passiert. Für andere ist das Stück eine begehbare Installation. Claude Jansen meinte VZAB ist kapitalistisch.



Frage: Sie meint ein antikapitalistisches Stück?



SCBLM: Nein, gerade nicht. Es ist so einfach, einen globalisierungskritisches Theaterabend zu machen. Auf der Bühne erzählen Schauspieler vom Scheiß- Kapitalismus und der Zuschauer denkt: „Ja genau, find’ ich auch blöd. Gut das wir darüber geredet haben.“



VZAB ist eine Zeitblase, in der sich die Zuschauer verhalten müssen, es gibt verschiedene Möglichkeiten: Man kann sich in einen Liegestuhl flätzen und den Abend als Hörstück geniessen, oder aber man bedient sich an den Weinkanistern und dem Schokobrunnen bis einem schlecht wird, oder man tritt aus dem Bühnenbild heraus und beobachtet die Bühnenzombies, oder man setzt sich weit oben in den Zuschauerraum und betrachtet das ganze von weitem, den Warentempel und die Verhaltensmuster der Zuschauer und die umherkreisenden Voodoogötter.



Frage: Also ist es doch ein Mitmachtheaterstück?



SCBL: Nicht ganz, eher ein Verhaltenstheaterstück. Der Aufbau von VZAB erinnert uns an den Teilchenbeschleuniger bei Bern. Wir schießen Partikel, Inhalte, Fragestellungen in die Umlaufbahn und beobachten dann die Kollision. Werden neue Teilchen entstehen, wird es schwarze Löcher geben und werden diese stabil sein, und alles in sich aufsaugen oder zusammenbrechen? Irgendwie schließt sich für uns auch ein entwicklungshistorischer Kreis in der Gruppengeschichte. Plötzlich geht es wieder um die Ausgangsfrage, welche Freiheiten -auch im Denken- sich die Zuschauer nehmen können. Wie bei einem Konzert. Und eines haben wir bis jetzt festgestellt, nicht viele Zuschauer können mit dieser plötzlichen Freiheit umgehen.

Eine Portion Anarchie

Die Gruppe Showcase Beat Le Mot über Performancekunst im Kindertheater, das Theater an der Parkaue und professionellen Dilettantismus

Interview: Anne Peter



Showcase Beat Le Mot, seit 2007 inszenieren Sie am Theater an der Parkaue für Kinder – ohne von Ihrer LiveArt-Ästhetik abzuweichen. Was ist der Unterschied bei einem so jungen Publikum?



Nikola Duric: Da ist jede Aufführung ein Abenteuer, weil man nicht weiß, was passiert.

Thorsten Eibeler: Es ist nicht ganz einfach, morgens schon um 10 Uhr auf der Bühne zu stehen. Aber Kinder sind solche Energieschleudern, dass man nach zwei Stunden gut gelaunt wieder weggeht. Man wird so aufgepumpt, mit Geschrei und einer Portion Anarchie. Und Kinder haben noch die Fähigkeit zu staunen. Sie haben nur wenige vorgefertigte Bildwelten. Wenn man behauptet: „Der Karton ist die Burg“, dann akzeptieren sie das, weil sie es in ihrem Spiel genauso machen.



Kinder sind also das avantgardistischere Publikum?

Veit Sprenger: Kinder können auch erzkonservative kleine Bestien sein, aber man kriegt sie schneller auf einen anderen Weg. Sie haben diesen Vertrag noch nicht komplett internalisiert: Wir sind die Zuschauer und ihr seid die Schauspieler, die so tun „als ob“.

Duric: Erwachsene gucken oft mit einer Konsumhaltung: das Licht geht aus, die vierte Wand wird akzeptiert wie eine Leinwand. Meine vierjährige Tochter sagt: Theater ist echt, Film ist unecht. Kinder sind noch sehr empfänglich für diesen einzigen Vorteil, den das Theater gegenüber dem Kino hat: den Live-Moment. Dass man etwas zusammen erlebt. Wir sehen uns da vor allem als Gastgeber.



Was war neu für Sie in der Inszenierung des „Räuber Hotzenplotz"?

Eibeler: Zum ersten Mal haben wir eine Geschichte von Anfang bis zum Schluss gespielt.

Duric: Wir haben auch zum ersten Mal geschauspielert, im Sinne von ,schlecht spielen’, eine Figur nachstellen. Das wird von den Kindern aber nicht als schlechtes Spiel empfunden, denn sie erkennen es sofort als das wieder, was sie selbst auch machen.

Dariusz Kostyra: Wobei die Figur dann nicht Gefühl ist, sondern Text.



Sie erarbeiten an der Parkaue eine ganze „Trilogie der Tiere". Warum?

Sprenger: Wir suchen immer nach einem sehr fremden Gestenrepertoire. Hier haben wir uns mit fernöstlichem Theater beschäftigt – No, Kabuki, China-Oper –, weil wir so aus dem europäischen Einfühlungszeug fliehen können. Im Butoh-Theater gibt es für jedes Tier ein bestimmtes Gesten-Repertoire. Das gibt schöne Verfremdungseffekte.

Eibeler: Außerdem spielen Kinder selbst gern Tiere. Und erklären sich darüber die Welt.



Auf „Peterchens Mondfahrt“ folgen jetzt die „Bremer Stadtmusikanten“. Ist das nicht auch eine Künstlergeschichte, die durchaus mit Ihnen zu tun hat?

Sprenger: Bei uns treten die Bremer Stadtmusikanten als Band auf und spielen ein Konzert.

Duric: Sie tun das, von dem sie denken, dass sie es am besten können. Aber sie haben es noch nie ausprobiert. Das passt schon ganz gut zu uns. Wir sind ja auch keine Schauspieler, sondern in professionellem Dilettantismus ausgebildet und können von jedem etwas. Die sind auch Außenseiter ...

Kostyra: ... und im Berufsleben nicht mehr zu gebrauchen. (lacht)

Sprenger: Auf jeden Fall ist es auch ein Stück über Arbeit: Arbeite ich für jemand anderen? Gegen Lohn, gegen einen warmen Stall? Oder arbeite ich in einer unsicheren Umgebung, was alle Gefahren des Freiseins mit sich bringt, aber für mich selbst?



Wieso ist es eigentlich okay, die Räuber einfach aus ihrem Haus zu verjagen?

Eibeler: Ob es okay ist, wissen wir nicht. Diese domestizierte Tiere werden unfreiwillig in die Natur entlassen. Und als sie dieses Haus entdecken, denken sie sich: Wir müssen dahin zurück, wo wir mal gebraucht wurden.

Duric: Für die Tiere ist die Eroberung dieses Altersdomizils der letzte Ausweg. Weil es mit dem Job als Stadtmusikanten wahrscheinlich nicht geklappt hätte.

Sprenger: Die Räuber werden verjagt, weil sie Menschen sind. In den Songtexten machen wir den Gegensatz zwischen Mensch und Tier, Herr und Knecht sehr stark. Und wie diese Rollen dann kippen und die Tiere ein Haus übernehmen. Aber wie bedient ein Esel einen Mikrowellenherd?



„Die Bremer Stadtmusikanten“, 28.3., 16 Uhr, 29.3., 11 Uhr, 30.+31.3.,10 Uhr, Theater an der Parkaue. Regie: Showcase Beat Le Mot; mit Nikola Duric, Thorsten Eibeler, Dariusz Kostyra, Veit Sprenger. Eintritt 12, erm. 7-9 Euro.

scblm über kinder- und anderes theater

Das Interview führte Christiane Müller-Lobeck, zusätzliche Fragen wurden gestellt von: Amelie Mallmann (Parkaue Berlin), Kathrin Tiedemann (FFT Düsseldorf), Stefan Rüdinger (Parkaue Berlin)



Frage: Wie seid Ihr zum Kindertheater gekommen?



SCBLM: Das war eher Zufall. Während des Donaufestivals in Österreich hat unser Fahrer immer Ragga-Musik im Auto gehört. Dariusz hat dann angefangen darauf Hotzenplotz Texte zu toasten und das hat sich irgendwie richtig angehört. Zwei Wochen später berichteten wir einem Dramaturgen von der Parkaue von diesem Experiment und wenige Tage später kam die Anfrage vom Haus. Das ist die wahre Legende von Ragga-Hotzenplotz.



Frage: Habt ihr vorher schon mal darüber nachgedacht Kindertheater zu machen?



SCBLM: Nicht wirklich, zwar haben treue Showcase-Zuschauer gesagt, manche unserer Stücke wären ja schon kindertauglich und ein Freund beschrieb unsere Theaterabende als „freundliches Anbieten harter Themen“, aber Kinder als Zuschauer konnten wir uns erst mal nur in Begleitung Erwachsener vorstellen.



Frage: Hört sich an, als ob sich zwei gefunden hätten....



SCBLM: Tatsächlich ist ein Aspekt unserer Arbeitsweise das inhaltliche Herantasten an Themenkomplexe, die uns zwar interessieren, in denen wir uns aber nicht so gut auskennen. In der Probephase versuchen wir dann möglichst viel über ein Thema oder eine Fragestellung herauszufinden, und das Ergebnis präsentieren wir schließlich als didaktisch-dialektischen Theaterabend. Böse Zungen könnten das jetzt als „Sendung mit der Maus-Theater“ bezeichnen, aber diese Beschreibung unserer Arbeitsweise würde viel zu kurz greifen. Wir denken immer auch über die Präsentationsform, das gegenwärtige Theater usw. nach. Nur geschieht das auf einer subtileren Ebene.



Frage: Fühlt Ihr Euch wohl im Kinder- und Jugend-Theater?



SCBLM: Pudelwohl. Wir sind ja eher wie das Kind zur Jungfrau gekommen und haben darüber hinaus gemerkt, dass im Kinderbereich viel mehr möglich ist als im Erwachsenen Genre. Das Stadttheater ist eine festgefahrene Form. Dort gilt nach wie vor häufig die Maxime des „Schönen, Wahren und Guten“, es gibt einen Bildungskanon der abgearbeitet wird und die Kritiker urteilen darüber, wie gelungen das ist. Im Kindertheater und in der Performanceszene gibt es kaum Einschränkungen, aber auch keine so große Aufmerksamkeit. Diese beiden Genres sind Experimentierfelder.



Frage: Wie meint ihr das?



SCBLM: Na ja, zuerst kannten wir uns im Kinderbereich gar nicht aus, jetzt haben wir einen Blick durch den Vorhang werfen dürfen und festgestellt, dass Kindertheater fast so variationsreich wie das Manga-Comic Feld in Japan ist. Dort gibt es Mangas für Kleinkinder, für Mädchen oder Jungen, Teenager oder Rentner. Im Kindertheater gibt es Stücke für die Krabbelgruppe mit Licht und Objekten zum anfassen, es gibt Theater für die Schulanfänger und Stücke, die gerade in der Oberstufe durchgenommen werden. Die Bandbreite ist riesig und auch die Formen schwanken wie auf hoher See. Es herrscht eine unglaubliche Freiheit. Schauen Sie sich nur das Programm der Parkaue an. Die fahren volles Risiko und machen damit nicht nur die Eltern glücklich.



Frage: Denkt Ihr, dass Ihr eine spezifische Form des Kindertheaters erfunden habt?



SCBLM: Da kennen wir uns immer noch zu wenig aus. Außerdem sind unsere Stücke stark an der Ästhetik unserer „Erwachsenenstücke“ dran. Nur will das keiner erkennen. Manchmal denken wir, dass unsere Kindertheaterstücke wie ein „Best-Off“ der Erwachsenenschiene funktionieren. Viele Erzählweisen, Kostüme, oder Schauspielhaltungen sind schon mal aufgetaucht, nur nicht so explizit. Darum ärgern wir uns auch über die Feststellung mancher Beobachter, dass unsere Kindertheatersachen zwar super, die Abendstücke aber zu sperrig sind. Ja Leute, seid Ihr denn blind? Könnt Ihr kein Theater gucken, oder was? Die beiden Arbeitsfelder gehören zusammen, sie sind nicht mal zwei Seiten einer Medaille, sondern ein zum Düsenjäger gefalteter Papierflieger, der Zuschauern direkt ins Auge uns weiter rauf ins Hirn fliegt.



Frage: Könnt Ihr trotzdem einen Unterschied zwischen Erwachsenen- und Kindertheater festmachen?



SCBLM: Der Unterschied liegt in den Zuschauern. Noch nie hatten wir ein solch begeisterungsfähiges und kritisches Publikum. Das könnte an der Ironiefreiheit und Ehrlichkeit liegen, die Dinge so zu akzeptieren, wie sie gezeigt werden. Allerdings haben wir es noch nicht gewagt uns der schwierigen Gruppe der Pubertierenden zu stellen. Das steht bald an, und daran wird sich schließlich messen lassen, ob unser Zeug was taugt oder nicht.



Frage: Ist es Euch peinlich, wenn Eure Hamburger oder Giessener Performance Kollegen fragen, was Ihr gerade macht. Oder anders, was muss passieren, dass man mit Kindertheater angeben kann?



SCBLM: Wenn unsere Mitmenschen hören, dass wir Kindertheater machen, dann gibt es zwei Arten von Reaktion. Die eine geht so: „Oh wie süüüß, das müssen ja wirklich gute Menschen sein.“ Die andere geht so: „Die armen Schweine, jetzt haben sie’s im Erwachsenentheater nicht gepackt und müssen schon aufs Kindertheater ausweichen.“ Beides ist natürlich falsch. Es sagt mehr über den Menschen, der das sagt, als über uns oder über Kindertheater oder über Erwachsenentheater. Uns persönlich gehen solche Zuschreibungen schon immer am Arsch vorbei, weil sie nicht künstlerisch, also menschlich motiviert sind, sondern sozial, und weil sie Ausdruck von Obrigkeitshörigkeit sind. Wir wissen ja noch nicht einmal, was ein Kind ist, und wie sich ein Kind von einem Erwachsenen unterscheidet. Woher sollen wir dann wissen, was Kindertheater ist und wie es sich von Erwachsenentheater unterscheidet?



Frage: Wie seht Ihr Kindertheater unter Bildungsauftragsaspekten oder als Zukunftsmarkt für qualitative Unterhaltung, da die Bedeutung der Kinderausbildung ja eher größer wird.



SCBLM: Unseren Bildungsauftrag nehmen wir im Kindertheater genauso wie im Erwachsenentheater wahr und zwar ungefragt. Die Auftraggeber sind in beiden Fällen wir selbst und sonst niemand.



Frage: Welche Wünsche habt Ihr in diesem Zusammenhang an die Theaterleiter, Kuratoren, die Kulturfonds und die Politik.



SCBLM: Die Aufgabe der Theaterleiter und Kuratoren ist es, Produktionsmittel und Zuschauer zu beschaffen. Die Aufgabe der Kulturfonds ist es, Geld über den Schreibtisch zu schieben, um unsere öffentliche Dienstleistung zu bezahlen. Die Aufgabe der institutionalisierten Politik ist es, die Schnauze zu halten und sich nicht in unsere Angelegenheiten einzumischen.



Frage: Wo seht Ihr die Showcase Performance in 5 Jahren? Gibt's es da ein Kindertheater-Anteil oder ist es nur eine Not- bzw. Zwischenlösung?



SCBLM: Warum bitte soll Kindertheater eine Notlösung sein? Welche Not? Welche Lösung? Gibt es Ihrer Meinung nach bessere und schlechtere Zuschauer, ein wertvolleres und ein weniger wertvolles Publikum? In dieser Frage schwingt viel unredliches Dünkel mit, sie ist Ausdruck einer Geringschätzung, die in Deutschland Kindern im Allgemeinen entgegengebracht wird. Schauen Sie sich an, was in anderen Ländern für Kinder getan wird: in Skandinavien oder den Ländern der ehemaligen Sowjetunion. Dort ist Kindererziehung eine hohe politische Aufgabe, der sich die kulturellen Eliten widmen. Hier bei uns wird dieser Ehrgeiz durch eine unerträglich sentimentale Überhöhung der Kindheit ersetzt. Dieser weinerliche Kinderkult ist uns vollkommen fremd. Vermutlich sind wir deshalb viel besser befähigt, diese Menschengruppe ernst zu nehmen und zu respektieren.



Frage: Ist Kindertheater insofern die logische Konsequenz, als die Showcase-Performance die Fortsetzung des Spieles mit anderen Mitteln ist?



SCBLM: Hä? Theaterspielen heißt Theaterspielen. In diversen gescheiterten Lebensgemeinschaften wurde uns von unseren berufstätigen PartnerInnen häufig vorgeworfen, dass wir ja nur spielen würden statt zu arbeiten. Das stimmt vielleicht sogar. Trotzdem nehmen wir unseren Job ernster, als die jämmerlichen Erfüllungstätigkeiten der Leute, die uns das vorwerfen.



Frage: Worin liegt für Showcase der Reiz, für Kinder zu arbeiten?



SCBLM: Tja, ob sie es glauben oder nicht: Wir erlauben uns mehr. Wir lehnen uns weiter aus dem Fenster und sind mutiger als in vielen unserer anderen Projekte. Wir glauben es selbst kaum, aber das haben wir bei unserer letzten Produktion für Kinder herausgefunden.



Frage: Wie hat sich ihre Arbeit für Kinder seit HOTZENPLOTZ weiterentwickelt, welche Erfahrungen haben sie in MONDFAHRT mit einbezogen?



SCBLM: Die Mondfahrt war schwieriger als der Hotzenplotz, weil es ein schlechtes und biederes Stück ist, das als einzige Moral die Forderung mitbringt, Kinder mögen doch bitte artig sein und keine Tiere quälen. Andererseits bietet die Mondfahrt eine Fülle seltsamer Figuren, retrofuturistischer Bilder und verschrobener, antiwissenschaftlicher Naturerklärungen. Das hat unsere Fantasie in Richtung Mond beflügelt und uns zu der Idee geführt, eine Maikäfersekte zu gründen, die diesen ganzen Unsinn kurzerhand in ein sektenhaftes Weltbild integriert und als Messe zelebriert. Das ist sehr gut gelungen. Viele mögen inzwischen die Mondfahrt sogar lieber als den Hotzenplotz. Deshalb sind wir persönlich auf diese Produktion noch stolzer als auf den Hotzenplotz, der ja schon auf der Textebene genial und deshalb wirklich schwer zu verderben ist ­ obwohl es immer noch genug Leute gibt, die auch das schaffen. Mit der Mondfahrt haben wir eine harte Nuss geknackt und sind buchstäblich über uns selbst hinausgewachsen.



Frage: Wie unterscheidet sich Euer Spiel mit einem erwachsenen und einem jungen Publikum, wer reagiert wie auf was?



SCBLM: Das ist schwer zu sagen. In unseren Kinderstücken sitzen ja auch immer zwischen 10% und 60% Erwachsene, und jeder nimmt irgendetwas mit, jeder reagiert auf andere Dinge. Wir spielen immer für die Erwachsenen und die Kinder. Deshalb können wir da keinen generellen Unterschied im Spiel festmachen.



Frage: Welchen Stellenwert nimmt das Produzieren für Kinder in Eurer Gesamtarbeit ein?



SCBLM: Zur Zeit machen wir pro Jahr 1 Kindertheaterproduktion und 1-4 Produktionen für Erwachsene.



Frage: Welche Erfahrungen habt Ihr mit Lehrern gemacht, die ja von Theater erst mal eine klassische, illusionistische Spielweise erwarten?



SCBLM: Wir würden die illusionistische Spielweise nicht mehr als klassisch bezeichnen. Eher als eine museale Kuriosität, die hier und da zwar noch auf Bühnen herumgeistert, aber eigentlich doch von niemandem mehr ernst genommen wird. Wir waren teilweise entsetzt über die Reaktionen der Pädagogen. Hier gibt es extreme Unterschiede, die Diskussionen sind sehr stark von Lehrerpersönlichkeiten geprägt. So kann Schule manchmal zu einer Verdummungsanstalt werden, manchmal aber auch zu einem Forschungslabor. Wir waren erstaunt, dass es hier keine klaren Standards gibt.



Frage: Warum gibt es im Moment gerade um Euch als Kindertheater-Macher einen Hype, was unterscheidet Euch von anderen?



SCBLM: Wir glauben, es ist die Tatsache, dass wir eben kein Kindertheater machen und dass sich unsere Arbeit nicht darin erschöpft, Vermutungen darüber anzustellen, was eine bestimmte Zielgruppe, in diesem Fall ein junges Publikum, wohl mögen oder brauchen könnte. Erst einmal geht es darum, was wir selbst mögen und brauchen. So entwickelt man oft einen besseren Draht zu den Zuschauern, als wenn man sich ständig offensiv um sie bemüht.



Frage: Was interessiert Euch für Kinder zu erzählen? Welche Geschichten sucht Ihr?



SCBLM: Wir suchen Geschichten mit einer Moral. Mit einer Überzeugung, die wir entweder vertreten und verstärken, oder an der wir uns auf andere Weise abarbeiten können.



Frage: Könntet Ihr Euch auch vorstellen, für Jugendliche zu arbeiten?



SCBLM: Wir finden Jugendliche zwischen 14 und 18 von allen Altersgruppen die langweiligste. Warum? Weil sie entweder unerträglich linientreu oder unerträglich verklemmt sind. Meistens sind Leute in diesem Alter beflissene Jasager, die sich nur darin unterscheiden, wem ihr Ja gilt.



Frage: Kinder gelten ja allgemein als das „bessere“ Publikum. Es gibt Theatermacher, die nach der Erfahrung für Kinder zu spielen, aufgehört haben, für ein erwachsenes Publikum zu spielen. Weil Erwachsene vergleichsweise verklemmt und kontrolliert im Theater sitzen, möglichst nichts von ihren Regungen zeigen und sowieso immer alles besser wissen. Man fragt sich, warum gehen die überhaupt ins Theater außer aus Konvention oder aus Repräsentationszwecken. Wie ist das bei Showcase? Spielt ihr inzwischen auch lieber für die „kleinen Zuschauer“? Und haben sich, bewusst oder unbewusst, die Erfahrungen mit dem Kindertheater auf Eure anderen Projekte ausgewirkt?



SCBLM: Sagen wir, man kann ein Stück für Kinder öfter spielen als für Erwachsene, weil sich die Reaktionen in verschiedenen Aufführungen stärker voneinander unterscheiden und man immer wieder überrascht wird. Trotzdem spielen wir genauso gerne für Erwachsene. Manchmal spielen wir aber auch sehr ungern und nur des Geldes wegen.



Frage: Was habt ihr über die Wahrnehmung von Kindern gelernt? Gibt’s Eurer Meinung so etwas wie „kindgerechte“ Spielweisen? Zum Beispiel auch hinsichtlich Tempo, Rhythmus, Komplexität? Ist die Arbeit für Kinder für die eigenen ästhetischen Maßstäbe irgendwie produktiv?



SCBLM: Also wenn wir „kindgerecht“ hören, denken wir sofort an irgendwelche weiß geschminkten Pantomimeschweine mit roten Clownsnasen und weit aufgerissenen Augen. Nein danke. Dann lieber nicht kindgerecht. Wir sind schließlich nicht immer nett zu den Kindern, und es gibt auch eine hübsche kleine Sammlung von Beschwerdebriefen in unserem Archiv. Es ist wichtig, die Zuschauer auch zu quälen, sonst pennen sie weg. Das gilt für Kinder wie für Erwachsene. Denken Sie an Roald Dahl, der seinen kindlichen Lesern Tod und Verderben nicht erspart und sie mit grausamen Schicksalsschlägen und ungesühnten Verbrechen konfrontiert. Nein, wir glauben, über kindgerechte Spielweisen sollte man sich lieber keine Gedanken machen, weil solche Gedanken immer die eigene Überlegenheit postulieren, die nur Idioten für sich annehmen.



Frage: Bietet das Kindertheater mehr Freiheiten als der Performance-Kontext?



SCBLM: Beides bietet so viel Freiheit, wie man für sich in Anspruch nimmt.



Frage: Wie war es für Euch mit Kinderbuch-Klassikern zu arbeiten? In Euren Stücken entwickelt Ihr ja ansonsten die Texte selbst...



SCBLM: Auch in unseren Kinderstücken spielt selbst geschriebener Text eine große Rolle. Ohne den geht es nicht. Wir müssen alles in unsere eigene Sprache übersetzen, um es ertragen zu können.