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Andres Maimik. Eesti Ekspress 7. June 2001

The joint project “Pirates” of Von Krahli Theater and Hamburg group Beat le Mot deserves its title. It´s a dashing invasion, blast of underground, irritation to the official theatre. For the Estonian theatre, raised on the doctrine of Stanislavski - Panso, this play works as a vagabond, who intruded the nunnery - disturbed the house rules, seduced, fertilized and disappeared before the abbess got the clue. The sighs of young nuns and (prill-laud) in a wrong position will remind the visit of a hooligan.

Already the work division in the play is quite unusual. Five germans stage four estonian actors. One could assume that german staff probably means expressive acrobatics with Rammstein music, but no - “Pirates” is funny and anarchic cabaret programme. The inspiration has been sea mythology and pirate romance. Attitude towards old fashioned sea ethos is not simply parody, but rather playful share of feelings. It awakes the teenager in the viewer, who had besides “Open-mindedly about marriage” also “The Treasure Island”, “Arabella” and “Männer Planken Ozeane” under his pillow.

“Pirates” begins with a version from the children game “Fill the Ship”. Opera, swimming and aerobics is performed. Evergreen “In the Navy” by Village People and sweet-scary “I am sailing” by Rod Stewart. Each pirate speaks his/her poetic or horrible story. Signal flags are fluttering. Then the light was switched off, the group hided under the stage and pinched the legs of the audience. The performers enjoy the energetic feed back and grooves more. The show ends with a hardcore energy bomb.

“Pirates” works on physical plastics and improvisation. When the atmosphere of Beat le Mot “Burn Cities Burn” is Teutonic and massive, filled with heavyrock and perversities, then the engine for Von Krahl show is pure childish fun of play. Here is the excitement of outdoing each other, bragging, grim jokes, adrenaline, bravado and punk, like it should be in a proper boy game.

Performers sing in a loud voice and dance with sportive strenght, tease the audience, make noise and giggle. After some especially well turned out joke, they smile happily. Improvisational play turns all the language stumbles and mind gaps into organic part of the speech texture.

Of course we won´t find in the programme consisting of song, dance and joke numbers structural drama or caracterizing, which would help to make the stupid-proof analyze of the play. There is no sign of “multilevel cosmos of human relations”, no intertwining of messages and images, what critic could interprate as “search of understanding by love thirsty people in this alienated world”. Pirates ignore the table manners of local theatre. Margot Visnap knits her eye brows and the cherry flowers in Chekhov garden are falling...

Despite of sailing with childish eagerness, “Pirates” avoided cleverly tasteless infantility. They were too well aware of the era, style, means of expression, camp etc. Irresponsible joy of play is the best defence against attacks from the masters of taste. Unsincerity is supermodern, it helps to avoid banality and pathos. At the same time this sand box remains limited, it doesn´t come too close neither raises too high. Radical getting to the bottom can never be too stylish and the other way around.

“Pirates” ends with quite sharp socio-psychological experiment. Punk band of the performers sings songs with obvious message “go home”, the ass and tattoos with the text Exit are shown to the audience. Modest viewer is in big stress, he understands what is wanted, but he doesn´t move. Nobody wants to be the first or remain the last to leave. At the premiere, quick action by Jaak Allik saved the audience from embarrassment. After the ex-minister of culture had stood up and left the room, the rest of the crowd was rushing after him. It was a moment when the truth of art and life were switched.

Hamburger Abendblatt

Hamburger Abendblatt / 11. Dezember
KAMPNAGEL
Perfide Farce über die EU-Piraten

HAMBURG -
Nun schwappt die Piratenfilm-Welle ins Theater. Zu dessen Freibeutern gehört seit 1997 die Truppe Showcase Beat Le Mot. Mit spitzem Inszenierungsflorett und unverschämt ausgestellter Dilettantenallüre zersäbeln die Haudegen des Trash-Theaters Texte und Konventionen, entern mit hinterhältig intelligenten Performances nicht nur deutsche Bühnen. Das Bubenstück über Piraterie in der europäischen Wirtschaftsunion musste kommen. In Kooperation mit dem Von-Krahl-Theater in Tallinn entstand "Europiraadid": Acht Akteure stechen im Kampnagel-Klub mit Rum und Spanferkel für alle zum deutsch-estnischen Beutezug in See.
Sie plündern den Fundus der Piratenklischees, dass die Bretterbühne wie ein Schiff im Sturm wackelt. Die Raubfahrt in neun Szenen entführt das Publikum in die Niederungen rebellischer Freiheitsträume und die Höhen des Wirtschaftsspekulantentums unter der Flagge der (be)trügerischen EU-Einheit. Die todgeweihte Mannschaft rauft, springt und singt im Rudertakt, tanzt auch ein Menuett der Vampire.
Im scheinbar schlampig improvisierten Erzähltheater entlarven sie die falsche Romantik von (Film-)Bildern, zersetzen im Blick auf die Gegenwart subversiv Stereotypen, etwa vom "nackten Wilden" beim Voodoo-Reigen, oder das Kunstzitat vom "Floß der Medusa". Am schönsten am Zombie-Spuk dieser perfiden "Anti-Störtebeker-Farce" ist: Showcase Beat Le Mot gelingt es immer wieder, den Zuschauer einem überraschenden Wechselbad von Ärger und Gelächter, von Zumutung und Faszination auszusetzen.

taz Hamburg

Nachhaltige Wirkung

Als wahre Allroundtalente entpuppt: Das Talliner Von-Krahl-Theater gastierte mit der Performance "Pirates" auf Kampnagel

Die Bühne ist in gespenstisches Dunkel getaucht. Undeutlich tauchen schwankende Silhouetten auf - verhüllte Gestalten, die sich mit raunender Stimme an ihre Ahnen erinnern. Freibeuter der Meere sind es gewesen, so wird da erzählt. Mit Namen wie "Hubema" oder so ähnlich. Im Chor gesprochen zergeht das Wort auf der Zunge, weckt Sehnsüchte nach fernen Abenteuern.

Soviel zum Vorspiel von Pirates, einer Performance des Von-Krahl-Theaters aus Tallinn, die im Rahmen der artgenda auf Kampnagel gastierte. Die vier Darsteller nehmen eher das Unwesen zeitgenössischer Piraterie aufs Korn. Genüsslich wird da in absurden Geschichten das Showbiz mit seinen Machenschaften auseinander gepflückt, werden zweifelhafte Berühmtheit und versteckte Romantizismen hintersinnig entlarvt. Im Spinnen von Seemannsgarn könnten sieKäpten Blaubär das Wasser reichen. Pubertäre Omnipotenzfantasien, die sich im Licht von Modells, Markennamen und Medienstars sonnen und manche Gruselgestalt jüngerer Vergangenheit heraufbeschwören. Auf der Projektionsfläche persönlicher Eitelkeiten liegen Luftpiraten, Charles Manson und Naomi Campbell dicht nebeneinander. Dabei ist durchaus virtuos, wie es der Theatercrew hier gelingt die Fäden ineinander zu weben.

Das Stück entstand in Zusammenarbeit mit den Hamburgern Showcase Beat Le Mot, die man im Zuge des artgenda-Austauschs vor zwei Jahren kennenlernte. Begeistert von der unkonventionellen, multimedialen Inszenierungskunst der Showcase-Akteure, baten die Von-Krahl-Theatermacher die Hamburger Gruppe um ein Stück. Vor einem Jahr bereits fand die Premiere in Tallinns Von-Krahl-Theater statt, dem kleineren von zwei subventionierten Theatern in der estnischen Haupstadt.

Auf der Bühne wird spätestens bei den kantigen Formationstänzen dann auch die Showcase-Handschrift deutlich. Die vier jungen Pirates-Darsteller - zwei smarte Jungs, zwei toughe Girls - gehen hier jedoch eher charmant und weit weniger lakonisch als ihre Vorbilder zur Sache, fühlen sich auch kaum deren "noblem Dilettantismus" verpflichtet, sondern entpuppen sich als wahre Allroundtalente, nicht zuletzt auf musikalischem Gebiet: Wie die rothaarige Liina Vahtrik sich da zur Walküre aufbaut und mit kraftvoll opernhafter Stimme den aufmüpfigen Smutje Juhan Ulfsak in die Knie zwingt, ist beachtlich.

Auf den Zuschauerrängen rechts und links der Spielfläche befindet sich das Publikum mit auf der Bühne, alle sitzen gewissermaßen in einem Boot. Von der Decke baumeln rote und grüne Laterne und kennzeichnen back- und steuerbord. Wenn Lampen und Monitore, die ebenfalls von der Decke hängen, in schaukelnde Bewegung versetzt werden, schwanken die Zuschauer unwillkürlich mit.

Die Inszenierung setzt auf ein Wechselbad von Stimmungen und versteht sich überzeugend auf leichte, leise, flüsternde Momente. Bilder abgefeimter Brutalität verpackt sie in naive Poesie und schummrig romantisches Licht - intelligent, ironisch, böse. Entfacht werden dabei augenzwinkernd Stürme im Wasserglas - mit nachhaltiger Wirkung.

Der Schluss ist dann ein echter Rausschmeißer - eine chaotisch hingedroschene Punk-Nummer. Die Ratten, sprich: die Zuschauer, verlassen das sinkende Schiff. Piraten von heute hält das wohl kaum von neuen Streifzügen ab. Veit Sprenger, Mitglied von Showcase Beat Le Mot und Konzept-Verantwortlicher der artgenda, sieht da gar deutliche Parallelen zum freischaffenden Künstlerdasein: "Man reist viel und lässt auch etwas da. Vor allem aber bringt man Beute mit." Hoffentlich ist die Ausbeute für das Von-Krahl-Theater jetzt in Hamburg nicht allzu üppig ausgefallen und es kehrt zu weiteren Eroberungszügen zurück.

Marga Wolff