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Nichts muss so bleiben, wie es ist. von ULRICH GUTMAIR / taz

Berlin 11.10.2010. Es war einer der schändlichen Momente deutscher Geschichte, als Bismarck mit den preußischen Truppen vor Paris stand. Die Pickelhaube half den reaktionärsten Elementen der französischen Bourgeoisie dabei, die Commune hinzumetzeln. Über die unwürdigen Details dieser Angelegenheit hat Karl Marx berichtet. Er kam zum Schluss: "Das Paris der Arbeiter, mit seiner Kommune, wird ewig gefeiert werden als der ruhmvolle Vorbote einer neuen Gesellschaft. Seine Märtyrer sind eingeschreint in dem großen Herzen der Arbeiterklasse. Seine Vertilger hat die Geschichte schon jetzt an einen Schandpfahl genagelt, von dem sie zu erlösen alle Gebete ihrer Pfaffen ohnmächtig sind."
An der Stresemannstraße in Berlin Kreuzberg, direkt gegenüber dem Hauptquartier der deutschen Sozialdemokratie, liegt das Hebbel am Ufer. Das Auditorium ist leer, die Zuschauer sitzen auf der Bühne. Sie laben sich an Coq au Vin und Rotwein der Marke Le Filou, eigenhändig serviert von den Kommunarden von Showcase Beat Le Mot. Die Premiere von "Paris 1871 Bonjour Commune" beginnt bald darauf, da klappern noch einige Nachzügler mit dem Geschirr. Das Publikum weiß: The revolution will not be televised. Im Theater wird sie nicht stattfinden, auch an diesem Abend nicht.
Die Wahrheit der vielen
Es gibt auch keine Geschichte mehr zu erzählen. Showcase Beat Le Mot machen ein episodisches Theater der Körper und Bewegungen, der Wörter und Stimmen, der Lieder und Beats, der Samples und Zitate, der Dinge und Apparaturen. Eine Geschichte im herkömmlichen Sinn wird hier nicht erzählt, weil die Tradition der Repräsentationskunst, die großen Gemälde von Delacroix et al., uns nicht die Wahrheit der vielen erzählen können, die für die Kommune, das heißt die Selbstverwaltung derer, die den gesellschaftlichen Reichtum produzieren, gelebt haben und gestorben sind.
Es lässt sich auch nicht genau sagen, an wen sich Showcase Beat Le Mots Theater der Ansprache richtet. An uns, die mit auf der Bühne sitzen wie in einem Fernsehstudio? Oder an das Geisterpublikum eines nicht mehr vorhandenen Bürgertums im dunklen Saal des Auditoriums?
Die Ansprache geht so: "Liebe Schreiber, liebe Pygmäen, liebe Eskimos, liebe Mieter, liebe Kioskpächter, liebe Musik, liebe Kunst, liebes Kleingeld, liebe Experten, liebe Hafenstraße, liebe Kanak Attak, liebe G-8- und G-12-Gegner, liebe Mama, liebe Künstlersozialkasse, liebes Facebook, liebe Dorothea, die in ihrer Theatergruppe untergeht, liebe Hospitanten, liebe Digitaluhrenträger, lieber Hans, der aus seiner Beziehung nicht mehr rauskommt, liebe Unentschlossene, liebe Kulturinteressierte" und so weiter und so fort. Irgendwann fühlt sich jeder angesprochen, bei mir ist es diese Stelle: "Lieber Thomas, der aus seiner Redaktion nicht mehr rauskommt." Wir sind die Subjekte der Geschichte. Was aber, wenn diese Subjekte keine Ahnung haben, welche Geschichte sie schreiben sollen?
Showcase Beat Le Mot sind vier Männer. In ihrem Kommunestück tragen sie barfuß lange Unterhosen, die unterm Knie enden, und schwarze Sakkos. Mit minimalsten Mitteln nähern sie sich so der Mode zu Kommunezeiten und geben sich zugleich der Lächerlichkeit und Verletzlichkeit preis. Es ist eine ideale Bühnenuniform, ein Maoanzug nach Mao. "Paris 1871 Bonjour Commune" besteht aus Texten, die mehr deklamiert als gesprochen werden. Sie werden auf die schwarzen Wände geworfen und erscheinen auf tragbaren Papierschirmen.
Die Akteure bewegen sich zu meist elektronischer Musik auf Sitzbällen. Sie interagieren mit schweren Gymnastikbällen. Sie stellen bewegliche Tableaus her, die weder reiner Tanz noch reine Bilder sind. Sie stehen der bildenden Kunst mindestens genauso nahe wie dem Theater. Es wird schnell deutlich, dass Showcase Beat Le Mot keine ausgebildeten Tänzer sind. Das macht den Charme ihrer Choreografien aus. Haben die Kommunarden von 1871 die Revolution etwa an der Akademie gelernt? Wir lernen tanzen, wenn wir tanzen wollen, indem wir tanzen
Die Männer lassen eine Gurke von einer ferngesteuerten Miniguillotine köpfen. Ein Monolog spricht uns an: "Meint Ihr nicht, wir könnten uns erheben, von den Monitoren aufblicken und die Füße in die Hände nehmen, bis der Spaziergang ein Aufstand wird? Meint Ihr nicht, wir könnten unsere Blicke abwenden, von den Quoten und Prognosen, uns umblicken in der Welt, um den qualvollen Bildern des Elends Einlass zu gewähren? Wir könnten, aber …" Dann unterbricht lauter Lärm die Stimme.
Ein HipHop-Stück setzt ein. Zu ihm versuchen sich die vier Männer nacheinander am Pole-Dance. Als seien sie junge Frauen, die ihre Körper in einem Stripclub gegen Bezahlung zur Schau stellen. Am Ende der Szene sinken sie nacheinander zu Boden und bilden einen Haufen von Körpern. Er erinnert nun doch an die Niedergemähten, die die Erstürmung von Paris zurückließ.
Dann marschieren sie die Bühne auf und ab, bis das Ganze dem berüchtigten Catwalk-Drill aus Heidi Klums Entblößungsshow "Germanys next Topmodel" gleicht. Den Zwang zur ständigen Selbstverkaufe im neoliberalen Regime der Deregulierung und des Hire and Fire decken Showcase Beat Le Mot in den denkbar einfachsten, brechtianisch anmutenden Bildern auf.
Der permanente Guerillakampf mit sich selbst, den Gilles Deleuze forderte und der in der Versuchsanordnung Showcase Beat Le Mot als Handlungsmaxime immer wieder durchschimmert, ist notwendig, wird die Verhältnisse aber nicht ändern. Schon allein, weil er womöglich längst ein Teil von ihnen geworden ist. So bleibt "Paris 1871 Bonjour Commune" ein in seiner formalen Radikalität schönes wie mutiges Stück. Der wissenden Ratlosigkeit seines Publikums kann es aber, vielleicht notgedrungen, keinen Dreh geben, der einen Möglichkeitsraum eröffnen würde.
Dass man diese Ratlosigkeit mit einem ironisch gebrochenen Pathos, mit Zitaten aus unser an Zeichen und Geschichten überreichen Popkultur produktiv selbst ins Trudeln bringen kann, zeigt aber ein anderes Stück der Gruppe, ebenfalls in diesem Jahr herausgekommen. "Die Bremer Stadtmusikanten" sind nicht weniger fragmentarisch als "Paris 1871 Bonjour Commune". Aber sie transportieren den Kern ihrer Geschichte in jedem Song und in jedem Dialog mit. Es geht hier um die Selbstbefreiung von vier geknechteten, ausgebeuteten, armseligen Kreaturen, denen das (gute) Leben vorenthalten wird. Sie wissen: Etwas Besseres als den Tod finden sie überall.
"Die Bremer Stadtmusikanten" ist voller unglaublicher Einfälle, Zitate, Witze und nicht zuletzt Songs aus der Feder Andreas Doraus und anderer. Es ist Kindertheater, in dem sich kein Erwachsener langweilt. Man sieht und hört sich das mit großen Augen und Ohren an und wünscht sich, das Erwachsenentheater wäre öfter so intelligent und profund. Wenn der Hahn singt: "Herr und Knecht, Mensch und Tier / Ich geh auf zwei Beinen genauso wie ihr", dann ist das die Sprache eines Theaters im Geist der Französischen Revolution.
Damit ist es aber nicht getan, und damit geben sich Showcase Beat Le Mot auch nicht zufrieden. Wenn die Tiere am Ende ankündigen, "Das war erst der Anfang / Wir haben uns befreit / Jetzt geht der Tanz erst richtig los / Der Tod hat keine Zeit", dann zeigt sich in den denkbar simpelsten Worten der religiöse Charakter jedes revolutionären Denkens. Die Unterdrückung von Mensch und Tier ist schrecklich und daher abzuschaffen. Der Tod aber ist der größte Skandal.
Und wenn die vier Musikanten über sich sagen, "Die Katze sagt wau / Der Hund macht miau / Der Hahn singt iah / Der Esel ist schon da", dann lernen die Kinder die vielleicht wichtigsten Lektionen. Erstens fängt die Revolution mit dem Denken, also der Sprache an. Zweitens muss auch außerhalb des eigenen Kopfs nichts so bleiben, wie es ist.
Die Performances von Showcase Beat Le Mot formulieren so eine anarchistische Ethik, die der spielerischen Freiheit der Kunst verpflichtet ist. Wenn man für dieses Programm einen Imperativ sucht, dann findet man ihn im so radikal skeptischen wie optimistischen Denken des Kybernetikers Heinz von Foerster. Seine Maxime lautete: "Heinz, handle stets so, dass die Anzahl der Wahlmöglichkeiten größer wird!" Das ist der krasseste denkbare Gegensatz zur populistischen Logik. Diese will die Möglichkeit echter Wahl nachgerade abschaffen: Jeder Mensch und jedes Ding bekommt durch die populistischen Diskursdespoten einen festen Platz zugewiesen, den er, sie und es gefälligst nicht mehr zu verlassen haben.

Satt vom Huhn, versöhnt vom Rotwein Revolutionstheater im HAU 1 mit Showcase Beat le Mot von Doris Meyerhenrich / Berliner Zeitung

Berlin, 8./9.10.2010. Ja, vielleicht ist das, was die Performer von Showcase Beat le Mot derzeit im HAU1 veranstalten, wirklich echtes Revolutionstheater. Keine historischen Figuren geistern als chiffrierte Wiedergänger über die Bühne, keine interagierenden Performer bringen mit der Frage nach dem Revolutionspotential unserer Tage Passanten in Verlegenheit. Nicht einmal ansatzweise wird jene Revolutionsgeschichte zu erzählen versucht, die der Titel des Abends selbst ankündigt: "Paris 1871 - Bonjour Commune". Nein, Revolution sieht man hier nicht, dafür viel "Revolutionäres": "Umdrehungen" im konkretesten Sinn des Wortes, die schnell durch alle Gehirnwindungen zischen.
Schon zu Beginn ist das Theater komplett verkehrt: Statt Spiels empfängt die eintretende Zuschauerschar erst einmal Speisung - Brathühnchen und Rotwein. Wer das Neinsagen nicht versteht, der wird noch bevor das echte Spiel beginnt, schon satt und versöhnt in den Polstersesseln liegen, die diesmal selbst auf der Bühne stehen, während die vier Showcasler später die Vorderbühne samt Zuschauerraum bespielen. Was heißt bespielen? Nichtbespielen. denn was sie dann eine gute Stunde lang aus dem Bratendunst und Theaternebel auftun, ist ein höchst intelligentes Spiel der Verweigerung.
Wie schon ihr erstes Revolutionsstück "1534", das die Showcasler zu Beginn dieses Jahres als irrlichternden Kampf der Gehirne im HAU2 installierten, ist auch "Bonjour Commune" ein dunkel leuchtendes Konstrukt aus 100 Genres, nur viel offener, abstrakter noch. Es sind Versuchsanordnungen kindlich-anarchistischer, wissenschaftlich-sezierender Art, die zunächst so tun, als wollten sie aus Särgen die Pariser Barrikadengeschichte von einst zum Leben erwecken. Doch schnell wandelt sich die Bühne in ein Funken schlagendes Denklabor: Keine Geschichte, nur kleine Spiel-Guillotinen und Bälle werden ein und ausgepackt aus einem großen Würfel, der so geheimnisvoll im Raum liegt, wie Kokarden schwarzes Quadrat.
Es entspinnt sich ein Werkstatt-Zaubertheater aus dem Geist der Installation, Turnens und Musizierens. Nicht Schauspieler liefern Texte, sondern selbst gebastelte Flugblattgeschosse. eine Akkordeon-Maschine, überblendete Schriftbilder. Und auch sie erzählen nicht einfach, sondern deuten nur an, verdichten. Die Geschichte, die sie anreißen, muss man vorher kennen, um hier mit ihr ins Spiel zu kommen. Wer nicht weiß, was in den 72 Tagen des Frühjahrs 1871 in Paris geschah - wie die Stadtverwaltung dort gegen die Belagerung der Deutschen und der eigenen Zentralregierung versuchte, eine gerechtere Gesellschaft zu errichten - der wird es auch hier nicht erfahren. Showcase Beat le Mot theatern hier nichts nach, sie konstruieren. Irritation ist ihr Mittel der Vergegenwärtigung.
Historische Kokarden der Pariser Commune sind wie riesige Lichtstempel einer versiegelten Zeit auf alle Wände projiziert. Doch niemand wird dieses Revolutions-Siegel einfach brechen, um Gegenwärtiges darin zu suchen. Die alten Formen werden nur langsam in Bewegung gesetzt: Die toten Buchstaben beginnen zu tanzen, indem sich die Performer mit weißen Schildern und ihren Körpern zwischen die Projektionsstrahlen und die Wände schieben und so Wörter fokussieren: "Bürger", "Gerechtigkeit", "vollbracht". Vollbracht aber ist in diesem perspektivreichen Baukasten-Theater nichts: Etwas noch Unbekanntes, Formloses, doch heftig Drängendes versucht sich den ganzen Abend über durch viele Verhüllungen ins Leben zu kämpfen - so wie die Performer am Ende in blau-weiß-rote Häute gehüllt wie Embryonen aus ihren Blasen schlüpfen. Ihnen gelingt`s. Und uns?

SHOWCASE BEAT LE MOT Eine Publikumsbespeisung von Dirk Pilz Frankfurter Rundschau 11.10.2010

Showcase Beat Le Mot hat in Berlin hat mit „Paris 1871 – Bonjour Commune“ ein verrätseltes Revolutionstheater entworfen. Den Zuschauer erwartet Speis, Trank und etwas, das man am besten Installation nennen könnte.
So geht Theater auch: statt Spiel eine Speisung. Es gibt Wein und Hühnchenschenkel, sehr lecker. Es gibt samtige Sofas zum Niederlassen, sehr bequem. Mit fettigen Fingern und bester Stimmung sitzt man im Berliner Hebbel Am Ufer – und erlebt Revolutionstheater.
Showcase Beat Le Mot, die seit 1997 agierende Performance-Männer-Truppe, hat zu „Paris 1871 – Bonjour Commune“ gebeten; und was nach der freundlichen Publikumsbespeisung folgt, ist – ja, was eigentlich? Kein an Figuren und einer nacherzählbaren Handlung aufgefädeltes Theaterspiel, sondern ein abstraktes, verrätseltes Bild- und Tongebilde. Vielleicht ist Installation ein halbwegs passender Begriff.
Das Thema dieses Abends sind, dem Titel gemäß, die berühmten 72 Tage im Pariser Frühjahr 1871, als der Stadtrat eine sozialistische Enklave zu bilden versuchte, einen Staat im Staat zum Wohle der Bürger. Die Revolution endete blutig, die Utopie erstarb auf Barrikaden. Darum geht es Showcase Beat Le Mot auch, aber eher als Hintergrundfolie. Über historische Zusammenhänge erfährt man hier jedenfalls nichts. „Paris 1871 – Bonjour Commune“ ist kein Geschichtsaufarbeitungstheater.
Dieser Abend nimmt die Revolution vom Wortsinn her. Revolution heißt: das Zurückwälzen, die Umdrehung. Also lassen die vier Performer Bälle kreisen und Schrift über die Wände zittern. Einzelne Worte sind auszumachen: Bürger, Gerechtigkeit, Republik, Himmel. Dazu wird Nebel gegeben und laute, lustig vermischte Musik. Wir sehen die Herren in Säcken tanzen und mit dem ferngesteuerten Auto eine Gurke unter die ferngesteuerte Guillotine lenken. Wir sehen sexy Stangentanz und vier Särge, aus denen die Tänzer erstehen. Wir hören sie in Mikros sprechend das Gegenüber suchen: Liebes Brot, liebe Kultur, lieber Thomas, liebe Waffenmacher. Liebe Pariser. Liebes Publikum. „Meint ihr nicht“, wird einmal gefragt, „wir könnten die seichten Handlungen der Nebenbühnen verlassen? Wir könnten, aber –“. Wir können offenbar nicht. Ist’s Fatalismus, der uns hier gereicht wird? Ist’s die neoliberale Predigt von der Alternativlosigkeit? Ist es nicht. Denn Showcase Beat Le Mot entwerfen einen hoch verdichteten Bilderbogen. Er schichtet Revolutionsassoziationen ineinander, ohne Deutungsrichtung vorzugeben, nur eine Stimmung: die allgemeine, diffuse Sehnsucht nach Umwälzung.
Radikaler kann man sich vom Dienstleistungstheater nicht distanzieren. Hier wird nichts bebildert, nirgends um Einfühlung gebuhlt und dem Zuschauer nie das Denken abgenommen. Wir sitzen auf den allerweichsten Fernsehsofas – und werden nicht mit fertigen Welt- und Wirklichkeitsbildern abgefüllt. Sehr raffiniert. Sehr herausfordernd auch.
Die fundamentale Eigenheit des historischen Denkens, von der Benedetto Croce einst sprach, die Besonderheit, „dass nur ein lebendiges, gegenwärtiges Interesse uns dazu bewegen kann, eine vergangene Tatsache kennen zu lernen“, wird dabei zur Eigenheit eines im besten Sinne engagierten Theaters: Es weckt lebendiges, gegenwärtiges Interesse an einer gescheiterten Revolution.