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Die eigenen vier Leinwände von Rüdiger Scharper / Tagesspiegel

21.6.2010 Warschau. ...Was ist Performance, was ist Dokumentation? Und wozu braucht man eigentlich noch Kunst, wenn die Realistät so übermächtig wird? „X-Wohnungen“ schaffen eine kindliche Spannung: Was verbirgt sich hinter den Fassaden? Wer lebt hier? Das Haus in der Chlodna Straße 20 macht von außen einen hellen, freundlichen Eindruck, anders als die umstehenden Gebäude. Wir geben die Zahlenkombination ein und gehen in den vierten Stock. Das Treppenhaus zeigt Spuren von Verwahrlosung, die uns in der angezeigten Wohnung schier zu Boden drückt. Wasserschäden, Brandspuren, Dreck und Müll, grausiger Leerstand. Das Gefühl, in einer Falle zu sitzen. Es riecht nach Verbrechen, Tod. An den Wänden kleine Zettel, mit Namen, Jahreszahlen. Das kleinste der Zimmer blendend weiß gestrichen, der Tisch ist gedeckt.von fern Musik, Stimmen. Das Haus lag unmittelbar an der Grenze zum Ghetto, eine Markierung im Asphalt zeigt den Verlauf der Mauer.

Im ersten Stock wohnte Adam Czerniaków, der Vorgesetzte des von den Nazis eingesetzten „Judenrates“. 1942 nahm er sich das Leben.“Sie verlangen von mir, mit eigenen Händen, die Kinder meines Volkes umzubringen. Es bleibt mir nichts anderes übrig, als zu sterben“, schrieb er in seinem Abschiedsbrief.
Der Gang durch Mirów verstört, erschüttert nachhaltig, die Wohnung in der Chlodna Straße – eine installation der Performance-Gruppe showcase Beat le Mot – reißt die Naht zwichen Vergangenheit und Gegenwart auf. In diesem Zimmer lösen sich die technizistischen Begriffe des Kulturbetriebes auf; Installation, Performnace, Kurator, Format. Zehn Minuten sind vorgesehen für eine Station, die nächsten Besucher warten schon. Doch dieses weiße Höllenzimmer zieht magisch an, zieht in die Tiefe. Der Kopf ist voll, die Beine werden schwer, wir haben Mühe, hier herauszukommen....