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theater heute

Learning by doing
Eine Forschungsreise durch das «Live.Performance.Art»-Festival
«Home & Away» in Hannover

Von Claudia Hennes

(...)

Schock oder Wahrheit Nr.3:
Wir sind eine Gruppe

Alles fing an diesem Sonntagnachmittag in Hannover ganz harmlos an. Die erfolgreiche Gruppe «Showcase Beat Le Mot», eine «Theaterband», die prägnantesten Vertreter des «Sampling», kündigte eine inszenierte Stadtrundfahrt im Bentley an, ein Versprechen, so anziehend wie ein Lottogewinn. Also ran an «showcase-super-aspirin», ran an den ersten Teil der Aufführung, ran an die jahrmarktsbude vor dem EXPO-Café und rein ins Gewinnspiel «Senso», in den Ohren die vollmundigen Versprechungen des Marktschreiers und laute Musik: «Machen Sie mit bei diesem schönen Spiel aus den 70er Jahren. Es ist nicht schwer, haben Sie keine Angst.» Budenzauber am Kröpcke. Das war die inszenierte Situation. Daneben pulste die Wirklichkeit, verkauften norddeutsche Landwirte ihre Qualitätsprodukte an satte Familien und gelangweilte Silberlocken. Ein ganz normaler Sonntagnachmittag in der Landeshauptstadt.

Auf die Gewinner des «showcase-super-aspirin» wartete ein Selbstporträt auf Polaroid und ein Herr im Regenmantel. Er begleitete die Paare unauffällig und stumm ins Parkhaus gegenüber. Da steht tatsächlich mit laufendem Motor ein Bentley, Baujahr '92, mit Chauffeur und Begleiter sowie einem netten jungen Mann, der seine neuen Gäste herzlich begrüßt, den Wagenschlag aufreißt und zum Sitzen einlädt. Wie im Kino. Schnaps wurde verteilt und die Katze aus dem Sack gelassen: «Guten Tag und herzlich willkommen. Sie sind zu Gast bei einer von uns nachgestellten Autofahrt, die Ralf Rainders und Roland Fritsch 1975 im Februar durch Hannover (tatsächlich war es Berlin, d. Red.) unternommen haben. Wir haben diese Brillen für Sie vorbereitet, damit sie die folgende Fahrt im Cinemascope-Format erleben können. Und damit sie das folgende nicht mit einern Video-Clip verwechseln. Ich möchte sie bitten, diese Brillen jetzt aufzusetzen. » Das Sichtfeld der gereichten Taucherbrillen ist mit Klebestreifen auf Breitwand-Dimension gebracht worden und soll «das visuelle Material verteuern».

Zu «Revolution No. 9» von den Beatles lassen die beiden Männer vorne die Fenster herunter und spritzen mit Pistolen eine rote Sauce außen auf die Frontscheibe. Die Plastikpistolen scheppern auf die Erde, die Scheibenwischer beseitigen die «Blutspuren», und langsam rollt das Autoschiff aus der Tiefgarage. Man fragt sich langsam, auf welche Fahrt man hier eingeladen ist. Erste Beklemmung macht sich breit, als der stumme Chauffeur auf das Gaspedal tritt und das aristokratische Gefährt Geschwindigkeit aufnimmt. Hannover gleitet an der abgeschirmten Fahrgastkabine vorbei. Der Beifahrer klappt den Spiegel in der Sonnenschutzblende herunter, fixiert die hinten sitzenden Fahrgäste und spricht von der Lorenz-Entführung 1975, die erste Entführung einer linksradikalen Gruppe in der BRD und zugleich die letzte erfolgreiche. Die Geschichte von Rainders und Fritsch wird in kurzen Textpassagen aufgerollt, Verbindungen zu Iggy Pop, den Beatles und Stones hergestellt, auf den Waffenfetischismus unter Rockmusikern und Intellektuellen hingewiesen. Die gesprochenen Texte koppelten sich vom erlebten Subtext ab und der lautete: Freiheitsberaubung, Bedrohung, Ungewißheit.

Wie reagiert der einzelne auf solch eine Situation? Man denkt nicht lange über den Berliner CDU-Abgeordneten Peter Lorenz nach, über den Sinn und Unsinn des bewaffneten Kampfes. Man sitzt 24 Jahre später in einer ähnlich gestellten Falle: Von einer Minute zur anderen kann alles anders sein. Sicherheit ist eine Illusion. Zum Showdown rollt der Bentley auf einen verlassenen Platz. Die Frage lautet: «Wollen Sie Teil der Lösung oder des Problems sein?» Die Männer springen aus dem Wagen, mein Partner ebenfalls, und ich bleibe wie angenagelt sitzen, höre die Kofferraumklappe schlagen, will nur noch raus, und in dem Moment schiebt sich ein Männerrücken vor meine Tür. No exit. Die Wirkung ist verheerend. Als wir in die Tiefgarage zurückkommen, wird mein Begleiter aus dem Kofferraum befreit.

Diese Bentley-Fahrt war die stärkste Arbeit des Festivals und entfachte mit theatralischen Mitteln, mit Text und Musik, eine unter die Haut gehende Spannung, die kein noch so gut gespielter Tschechow erreichen kann. Die Authenzität des Kontextes, die Stadt, das Auto, kann kein noch so raffiniertes Bühnenbild zaubern. Im Theatersaal bleiben die Zuschauer vor dem Geschehen sitzen, hier saßen sie mittendrin und waren auf Gedeih und Verderb dem
«Stück» und den Spielern ausgelierfert. Dabei verliert sich keine Sekunde das Bewußtsein, Teil einer Inszenierung zu sein, die nicht mit dem wahren Leben zu verwechseln ist. «Showcase Beat Le Mot» will dieTeilnehmer in eine Opferrolle zwängen, vergleichbar der eines Theaterbesuchers, der, eingequetscht in engen Stuhlreihen, das Ende des Theaterstücks herbeisehnt. Sie nennen das, was sie inszenieren, ganz bewußt Theater und grenzen sich ganz bewußt von dem, was in städtischen Theatern passiert, ab.

Früher geschah das aus Wut gegen den «ganzen Quatsch», den sie bei ihren Praktika und Besuchen in den städtischen Theatern erleben mußten. Heute sehen sie sich mit ihrer Arbeit einfach nur «auf einer anderen Baustelle», sehen ihre Nähe zur Performance und Installation. Der Raum ist für ihre Arbeit konstituierend - er sollte nicht neutral sein, über Eigenheiten verfügen, die man uminterpretieren kann -, denn der Raum bestimmt die Atmosphäre, in der sie sich ausbreiten. In den so geschaffenen Kontext werden die Zuschauer geworfen. Die vor Jahrzehnten geforderte (Nach-)Wirkung der Kunst im Kopf wird ohne Wenn und Aber durchgesetzt. Inszeniert und gefiltert durch unterschiedliche Medien, gehen «Showcase Beat Le Mot» dem Publikum genauso an die Wäsche wie einst Peter Handke mit seiner «Publikumsbeschimpfung». Nur wendet sich die Aggression nicht mehr direkt gegen die Adressaten, sondern die Adressaten werden mit auf die Reise durch unsere scheinbar geordnete Wohlstandsgesellschaft genommen und unter die Oberfläche entführt. Das geschieht in einem genau kalkulierten Spiel. Nichts ist dem Zufall überlassen. Die Dosis Super Aspirin wirkt auf die einzelnen ganz unterschiedlich, auf jeden Fall wenig heilend. Schmerz wird nicht gelindert, Angst nicht gedämpft. Auf dieser mikropolitischen Ebene werden die sechs aktiv. Vordergründig politisches Theater haben sie nicht im Sinn. Mit dem traditionellen Sprechtheater hat die Arbeit von «Showcase Beat Le Mot» nichts zu tun. Die sechs Männer sind «Autoren-Regisseure», die ihre eigenen Stücke spielen. Sie erarbeiten alles gemeinsam, haben zusammen in Gießen angewandte Theaterwissenschaften studiert und verstehen sich als Kollektiv.

Künstlerkollektiv oder Wahrheit Nr.4:
Der Live-Act ist Prinzip und Bedingung.

«Showcase Beat Le Mot», «ASPIK», «Gob Squad» und «SheShePop» - in allen diesen Gruppen finden sich Mitglieder, die entweder in Hildesheim oder Gießen studiert haben, also in theaterwissenschaftlichen Studiengängen, die interdisziplinär an- und von vornherein auf Praxis ausgelegt sind. Die Frage des Könnens stellt sich nicht: Learning by doing. Alle dürfen alles ausprobieren, sich in Theorie und Praxis von allen verfügbaren Theorien, Vorbildern und Werken beeinflußen lassen, von Karl Marx und Josef Beuys, von Bertolt Brecht und Andy Warhol und den Idolen der Pop-Musik sowie der musikalischen Avantgarde. Erlaubt sind alle Mittel: Live-Act, Video und Film, Musik-Mix, Computeranimation und Internet. Die 25- bis 35-Jährigen machen mit der Botschaft des Kunsttheoretikers Boris Groys ernst: «Der Mensch kann nichts produzieren, sondern reproduzieren, appropriieren, kontextualisieren, kombinieren.»

Der Autor ist für sie eine Fiktion. Sie arbeiten im Kollektiv. Keiner ist der Chef. Menschen mit unterschiedlichsten Berufserfahrungen finden sich zusammen. Akademische Ehren sind unwichtig.Für alle ist dieEntscheidung,in einer Gruppe zu arbeiten, eine Absage an den hierarchisch strukturierten Theaterbetrieb, an das Regietheater und die Generation von Regiestars, die vor ihnen das Theater entstaubt haben: Stein, Zadek, Peymann, Neuenfels und wie sie alle heißen. Für sie sind das Protagonisten eines überkommenen Theaterverständnisses, Theatergeschichte.

Während «Showcase Beat Le Mot» noch darüber nachdenkt, was ihnen die bestehenden Stadtund Staatstheaterstrukturen bieten könnten, haben alle anderen keine Mühe, sich dort zu sehen. Allerdings zu ihren Bedingungen, und erste Bedingung ist die Gruppe. Mehr Geld und Professionalität in Sachen Licht, Ausstattung, Management würden sie gerne annehmen, würden die lästigen Nebenerscheinungen wie Terminplanung, Verträge, Buchhaltung, Pressearbeit gerne abgeben. Selbst so gern gesehene Festivalgäste wie «Gob Squad» leben von der Hand in den Mund, müssen produktiv bleiben, um überleben zu können. Hinter dem aufwendigen Spiel mit Bildern und Bedeutungen steckt ein harter Alltag. Den Frust, die Enttäuschung, die Müdigkeit - all diese Begleiterscheinungen lindert die Gruppe. Sie ist ein Arbeits- und Lebenszusammenhang, selbst wenn nicht alle beständig an einem Ort leben.

Unbekümmert, nicht unbedarft, gehen sie ans Werk: Sie besprechen ihre Ideen, die sich zu Themen verdichten, suchen Orte, sammeln Material und reduzieren in einem langwierigen Prozeß die Materialfülle zu einem Stück. Alle basteln aus ihrer eigenen Wahrnehmung und Anschauung eine eigene Auffassung. Die ist ernst gemeint und ernst zu nehmen. Oberflächlich, kindisch, naiv sind die Arbeiten nicht, auch wenn sie auf den ersten Blick manchmal so wirken. Sie verpflichten sich keiner Wahrheit, keiner Ideologie, nur der eigenen Einsicht. Das unterscheidet diese Kollektive auch von den Kollektiven, die in der Studentenbewegung gegründet worden sind. Damals las man zusammen Karl Marx, attackierte die Familie als Hort der bürgerlichen Ideale, versagte sich die Kunst zugunsten politischer Arbeit. In dieser Tradition sehen sich die Gruppen nicht. Sie begreifen sich weder als Gegner des Theaterestablishments, noch wollen sie den Marsch durch die Theaterinstitutionen antreten oder gar den Kampf dagegen aufnehmen. Ihre Basis ist der gemeinsame Versuch, mit unterschiedlichen Strategien einer überquellenden Waren- und Gedankenwelt Herr zu werden, sie zu zersetzen und in ungewohnten Bildern und neuen Zusammenhängen als Kunstprodukt zu präsentieren: Den historisch gewachsenen und mit Bedeutungen aufgeladenen Kontext zu stören.