deutsch | english

tip Berlin

Abhänger mit Diplom

Theater im Chill-out-Room: showcase beat le mot mit „Radar, Radar, nichts ist egal“

Jahrelang hatte man als popkulturell sozialisierter Mensch und Liebhaber der darstellenden Kunst echt Probleme, die besten Freunde dazu zu bewegen, einen ins Theater zu begleiten. Bürgerliche Kunstanstrengungen, verschwitzte, schauspielerische Authentizitätsübungen, kulturpessimistische Bedeutungshuberei und nicht zuletzt stundenlanges, jeglicher Bein- und Pinkelpausen-Freiheit beraubtes Sitzen zwischen "Obsession"-parfümierten älteren Damen - absolut uncool all das. Doch seit ein paar Jahren tut sich was, die Szenen vermischen sich, und im allgemeinen Bemühen um Crossover der Stile und Genres spielt auch das Theater kräftig mit. Frank Castorf plünderte seine Plattensammlung und spielte an jeder halbwegs passenden Stelle einen Titel von den Stones ein, stellte Steve Binetti auf die Bühne und landete gleich in der ersten Spielzeit der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz mit dem Remake von Stanley Kubricks Kultfilm „A Clockwork Orange“ einen vollen Publikumserfolg. Christoph Schlingensief bewies die Bühnentauglichkeit von Undergroundfilm und Trashkultur, und zuletzt sprang endlich auch das Feuilleton auf den fahrenden Zug auf und jubelte Thomas Ostermeiers Tarantino-Verschnitt "Shoppen & Ficken" hoch zur Sensation der Saison. Na bitte, auch der rebellische Gestus des Pop läßt sich eintheatern!

Auch wenn das nach guten Gründen aussieht, die Erneuerung des Theaters aus dem Geiste des Pop als gescheitert zu betrachten, ganz aufgeben muß man die Sache nicht. Es gibt Beispiele, die Grund zur Hoffnung geben, daß jenseits der Vereinnahmungsstrategien durch den verzweifelt nach Verjüngung japsenden Theaterbetrieb ein paar wirklich junge (also gerade nicht berufsjugendliche) Theatermacher den nötigen Eigensinn besitzen, um ihre Vorstellungen von einem zeitgemäßen Theaterabend Wirklichkeit werden zu lassen.

"showcase beat le mot", fünf (Ex-)Studenten der Angewandten Theaterwissenschaft in Gießen, die schon in den unterschiedlichsten Konstellationen zusammen aufgetreten sind, aber erst seit knapp zwei Jahren als Performance-Boygroup in dieser Konstellation zusammenarbeiten und jetzt zur Sommerbespielung im Prater gastieren, sind so ein Beispiel.

Das beginnt damit, daß man in ihrer Performance "Radar, Radar, nichts ist egal" als Zuschauer alles tun darf, was man bei einem Videoabend oder beim Ausgehen mit Freunden gerne macht: rauchen, saufen, relaxt abhängen, bei Wohnzimmerbeleuchtung auf dem Sofa rumknutschen, in bunten Magazinen stöbern. Man fühlt sich als Gast, und das heißt zum Beispiel auch, daß man an der Garderobe nichts abgeben muß, weder den eigenen Verstand noch das Gefühl für die eigene Präsenz (die normalerweise im Theater mit dem Ausschalten der Saalbeleuchtung erlöscht).

Eine schwebende, geteilte Aufmerksamkeit erfüllt den Raum, in die hinein die fünf Performer mit ihren Geschichten und Choreografien emotionale Flächen und Höhepunkte setzten, mit einem untrüglichen, am Plattenauflegen geschulten Gefühl für Timing, Breaks und Übergänge. Es ist ein bißchen so, als würde man sich mit Freunden unterhalten: Einer erzählt davon, was er mit 17 erlebt hat, und schon entspinnt sich eine Assoziationskette quer durch alles, was man in letzter Zeit gelesen, gehört oder gesehen hat - Sampling mit dem Material aus einem kollektiven, über die Jahre angelegten Speicher kulturellen Wissens. So kommt man von der Fachsimpelei über Fußball, die zu einem kleinen Turnier „Blindenfußball“ führt, zum Entfesselungskünstler Harry Houdini, weiter zur Erzählung von einem Extremperformer, der mit HIV-infizierten Injektionskanülen jonglierte, bis ihn niemand mehr sehen wollte, als bekannt wurde, daß er sich bei einer besonders schwierigen Nummer infiziert hatte, zu einem herrlich selbstironischen Video-Selbstporträt eines gescheiterten Jungfilmers, zu völlig abstrusen Interpretationen einiger futuristischer Comic-Bilder von Enki Bilal, um irgendwann beim Großen Lauschangriff zu landen.

Alles hängt wie bei einer einzigen Paranoia irgendwie miteinander zusammen. „Was ich noch zu sagen hätte, dauert eine Zigarettenfabrik“, sagt einer irgendwann. Und in der Tat entfaltet der zweieinhalbstündige Abend, gespickt mit artistischen Höhepunkten wie einem Tanz in Skistiefeln, einer Fechtnummer mit Langlaufskiern und einer Voraufführung des neuen Stücks von Franz Xaver Kroetz und Rainald Goetz, eine solche Sogwirkung, daß rnan gar nicht genug kriegen kann. Da die Jungs auch dafür bekannt sind, daß sie nicht nur gerne tanzen, sondern fast noch lieber andere zum Tanzen bringen, darf man sicher sein, daß die Aufführungen wie schon während des Praterspektakels Ende Juni in ausgedehnten Parties ihre Fortsetzung finden. Die Aspirin für den Morgen danach gibt es leider (noch) nicht zusammen mit der Eintrittskarte.
Kathrin Tiedemann

Hamburger Morgenpost

Was zählt, ist die Show
(...)
Das „Show-Abziehen“ instrumentalisieren die „Jungen Hunde“ dieses Jahres in ihren Produktionen bewußt als Stilmittel – nicht ohne Ironie, Kritik, Reflexion. Schönstes Beispiel dafür: die Gruppe Showcase Beat Le Mot. Ihr „Radar Radar Nichts ist egal“ zählt zu den Höhepunkten des gut besuchten Festivals.
(...)
Hemmungslos zu empfehlen dagegen ist, nach den beiden Vorstellungen in der vergangenen Woche, „Radar Radar Nichts Ist Egal“.

Junge Welt

Alles ist wichtig!

Neue Gießener Schule: Showcase beat le mot im Berliner Prater

Eine Bühne im traditionellen Sinn stellte der Berliner Prater eigentlich noch nie dar. Eher eine schöne Turnhalle. Heute aber ist die Ablehnung des Guckkastenprinzips auf die Spitze getrieben: Man kann in Sofaecken fläzen, man kann rauchen, sich Getränke holen und nach einer Stunde gibt es auch Essen (chinesische Gemüsepfanne). Meine Begleitung aber nölt rum: Das Stück sei öde und mit dreieinhalb Stunden auch viel zu lang. Das Stück?

Die Gießener Gruppe Showcase beat le Mot bespielt dieser Tage die sommerlich verwaiste Außenstelle der Volksbühne, »Radar Radar - nichts ist egal« heißt ihre Collage aus Popkultur, trivialen Versatzstücken und ja, auch Politik - auch Hochkultur. Nichts ist egal, will sagen: Alles ist wichtig. Jugenderinnerungen ebenso wie Basketball oder Tantra. Denunziert wird nichts, nicht einmal Rainald Goetz und Franz Xaver Kroetz, die zwar als Vertreter eines halb (Goetz) beziehungsweise ganz (Kroetz) in Vergessenheit geratenen Kulturbetriebs ein bißchen lächeirlich gemacht werden, aber doch auch irgendwo ihre Berechtigung haben, wenn ihr gefaketes Drama in Skistiefeln hilflos über die Bühne stolpert. Ganz ruhig, keine Aggression. Und Veit Sprenger bittet darum, mit Gegenständen beworfen zu werden. »Steine oder Münzen?« fragt jemand aus dem Publikum. Aber was dann geflogen kommt, ist eine leere Bierflasche. Was wohl sein mußte.

Der gesamte um Fußball kreisende Handlungsstrang ist klassische Fanperspektive (auch nach Thorsten Eibelers Referat habe ich immer noch nicht verstanden, was die Abseitsregel bedeutet), das Gedankenspiel eines »Büros für Desinformation« (Florian Feigl: »Poetische Information muß notwendigerweise Desinformation sein.« Wie schön!) dagegen reflexiv reizvoll, und die eingespielten Videoschnipsel von ehemaligen Gießener Studenten sind sehr lustig: Dirk Thebbe sitzt in Dortmund und ist glücklich, während Thomas Lemke darüber sinniert, daß er zu fett geworden sei: Der Bauchnabel stülpt sich nach außen - Alarm!

Meike Fries gibt die DJane dazu und spielt meist moderne Elektronik, paßt heutzutage besser als je zuvor.

Gießen, Popkultur, Authentizität ... denkt irgend jemand an She She Pop? Tatsächlich bilden
Showcase beat le mot eine Art Boygroup-Variante zu dem Girlie-Kollektiv, mit dem sie gemeinsam als Aushängeschild einer »Neuen Gießener Schule« (was wohl weit weniger selbstironisch gemeint ist, als es den Eindruck macht) firmieren, mit dem sie gemeinsam dieses Frühjahr auf Kampnagel (Hamburg) und irn Berliner Podewil aufgetreten sind (mit einer veränderten Version der jetzt irn Prater gezeigten Collage), mit dem sie gemeinsam für diese Zeitung interviewt wurden: »Es geht darum, die Dinge, die man liebt, so ernst wie iiiöglich zu machen und mit einer tiefen Überzeugung zu bringen.« Andrzej Wirth hat die »Neue Gießelier Schule« einmal als »die neuen Coolen« definiert, aber Sprenger spielt irgendwann Violine, später noch Baß, und das klingt alles sehr harmonisch, ernsthaft. Cool sind »die Dinge, die man liebt!« überhaupt nicht.

»Heute Disco, morgeri Umsturz und übermorgen Landpartie« - If I can't dance, I don't want to be part of your revolution. Zum Abschluß dürfen die Zuschauer Fußbälle in die Gesichter Helmut Kohls und Gerhard Schröders treten: War das schon der Umsturz? Dariusz Kostyra fordert das Publikum auf, noch zu bleiben, noch im Prater zu feiern, Meike Fries legt weiter Platten auf. Eine Frau versucht einsam, sich im Rhythmus durch den Raum zu bewegen. Last night a DJ saved my life.

Falk Schreiber

Hamburger Abendblatt

Irrwitzig: „Showcase“ auf Kampnagel

Reguläres Theater war das nicht, was die Gießener Truppe „Showcase Beat Le Mot“ beim Festival „Junge Hunde“ auf Kampnagel fabrizierte.

Sie präsentiert sich als ein Haufen Animateure, die Taktiken zur Befreiung aus dem heillosen Chaos der Gegenwart anbieten. Ihr Programm hieß „Radar Radar Nichts ist egal“, dauerte rund vier Stunden und präsentierte sich gleichermaßen skurril wie stoisch.

Es war ein köstliches Vergnügen, eine groteske Theaterperformance, ein rasant-gemütliches Prograrnm.

Veit Sprenger, Dariusz Kostyra, Nikola Duric, Florian Feigl und Thorsten Eibeler boten chaotisch kombinierte Einzelnummern: Kindheitserinnerungen, Videovorführungen, Spiele, Dramolette, Unsinn und Lektionen wie diese: „Fußball ist wie Liebe: Der Ball muß ins Tor - alles andere ist Händchenhalten.“

Eine andere vortreffliche Einsicht lautete: „Es ist einfacher, andere in den Arsch zu kneifen, als einen schönen Arsch zu haben.“ Präsentiert wurde das Ganze mit einer Ruhe und Bedächtigkeit, die den Beiträgen fast einen meditativen Charakter verlieh, die dafür sorgte, daß allzeit ein Lächeln im Raum vibrierte.

Was womöglich bei anderen Theatermachern als gequirlter Quark geendet hätte, war bei „Showcase Beat Le Mot ein irrwitziges Spektakel, blieb jederzeit ein Spaß und machte jederzeit Spaß.

tageszeitung

Nachtfahrt mit Radio

„Showcase Beat Le Mot“ entspannt modern bei den „Jungen Hunden“

Drei Männer, drei Aquarien, drei kalte Neonröhren. Ein letzter Schluck klares Wasser, dann eine Ampulle eingeworfen, kurz gegurgelt, und schon spucken die Männer Farben in ihre Aquarien mit den blassen Neonröhren. Da sieht die Welt gleich anders aus. Rot, gelb, blau : Alles so schön bunt hier. „Die Methode des heutigen Abends ist denkbar einfach“, verrät eine Stimme am Mikrophon (modernes Theater spricht immer über Mikrophon): „Wir sagen, was wir geliebt haben.“ (Autobiographisches ist auch sehr modern.) „Das ist Showcase Beat Le Mot im April 1998. Können wir einen Zeugen haben?“ Und schon setzt der Beat ein, von einer Live-DJane aufgelegt. Wenn das nicht popmodern ist.

Natürlich tanzen die Jungs, derer sich bald fünf mit groovigem Gang vorgestellt haben, später eine kurze Understatement-Choreographie, natürlich tragen sie zwischenzeitlich östliche Gewänder, sprechen sie viel, spielen nichts und erzählen vor allem keine Geschichte. „Willkommen zum Oberflächentheater“, begrüßt Veit Sprenger noch einmal und empfiehlt, alle weiteren Termine des Abends sausen zu lassen. Das Publikum hatte aber sowieso nichts besseres vor und räkelt sich gerne bis Mitternacht auf den alten Sofas, Teppichen und verstreuten Sitzkissen der Probebühne P1. Besonders, da rauchen und trinken erlaubt ist, während sich die Kunst unaufdringlich im Raum ausbreitet. Mal gibt es einen Filrn, mal Livemusik, mal eine sprechende Wand, Fußball, ein bißchen Burroughs, eine Overheadprojektion und immer auch rechtzeitig eine Pause, um ein neues Bier holen zu können oder ein wenig Tischfußball zu spielen. Spaß ist Trumpf, und das Theater gibt sich Mühe, ihn nicht mehr zu verderbenRadar Radar nichts ist egal ist eine Art Nummernrevue in ihrer entspanntesten Form. Verhandelt wird in diesem Theater nichts - außer natürlich das Theater selbst, dessen Dramatik anscheinend erst einmal abgeschafft gehört, um dann zwischen TV, Club und Wohnzimmer neu zu wachsen.

Erstaunlich, wie glücklich es die Menschen macht, wenn das Theater nichts von ihnen will und sich nurmehr als flirrendes Hintergrundgeräusch anbietet. Radar Radar ist wie eine Landstraßenfahrt mit Radio, die genau so viel Aufmerksamkeit erfordert, daß sie Assoziationen erlaubt und Konzentration verhindert. Wenn es Nacht ist, kann das glücklich machen.

Christiane Kühl