deutsch | english

Ästhetische Strategien und Verfahrensweisen im zeitgenössischen Kindertheater am Beispiel von Showcase Beat Le Mot

Auszüge aus der Diplomarbeit von Hannah Biedermann

über Postdramatik

"Seit einigen Jahren spukt eine neue Form durch das Kindertheater: postdramatisch soll es sein. .. Aufsehen erregte dabei die Gruppe Showcase Beat Le Mot mit ihrer Produktion Der Räuber Hotzenplotz im Jahr 2007. ... Alles was neu und innovativ erscheint, nennt sich nun postdramatisch. Jetzt also ist auch das Kindertheater postdramatisch. Jetzt also ist auch das Kindertheater neu und innovativ. .. Aus dieser Sicht erscheint das Kindertheater erst durch die postdramatischen Elemente für Erwachsene erträglich geworden zu sein. Die Feststellung, dass das Kindertheater erst jetzt und zögerlich die postdramatischen Darstellungsstrategien entdeckt, ist nur deshalb von Interesse, weil das Erwachsenentheater schon längst nicht mehr ohne diese auskommt."

"Die Kindertheaterstücke von Showcase bewegen sich alle zwischen den Polen einer klassischen Dramaturgie der Narration und dem fragmentarischen und brüchigen Nebeneinander, einer aus dem postdramatischen Theater bekannten Parataxis."

"Postdramatisches Theater setzt hingegen vielmehr auf die Präsenz der einzelnen Mittel, auf deren Eigenwert und Selbstreflexivität. Dramaturgien des postdramatischen Theaters sind Dramaturgien des Lichtes, der Körper, der Klänge. Das Kompositionsprinzip folgt hier keiner Narration, sondern einer Wahrnehmungsordnung. Es geht um die Anordnung einzelner Ereignisse zu einer Wirkungskette."

über Hotzplotz

"Der Wechsel der verschiedenen Erzählstrategien, Stücktext und Privatunterhaltungen, Songs und Off-Erzählung verzögert den Fortlauf der Geschichte. Sie wird angehalten oder gerät ins Stocken. Dadurch entsteht trotz permanenter Einhaltung der Geschichte eine Brüchigkeit."

"Ein Kind und der Performer verhandeln Theaterzeichen auf der Bühne. Die Diskrepanz zwischen dem real Sichtbaren und dem, was es darstellen soll, wird hier wahrgenommen und diskutiert. In diesem Fall verteidigt der Performer vehement die Bedeutung des Zeichens. .. Als das Gespräch wieder mehr auf den Verlauf der Geschichte gelenkt wird, was der Kasper nun tun soll, akzeptiert das Kind sofort wieder die Geschichte und das behauptete Problem. .. Es scheint so, als sei ein fließender Wechsel zwischen Realität/Materialität und Zeichen/Bedeutung möglich. Durch diese Art und Weise des Zeichengebrauchs in der Inszenierung des Räuber Hotzenplotz wird der Fokus der Zuschauer auf den Wahrnehmungsvorgang und die Konstruktion von Bedeutung gelenkt und somit steht das Stück unter dem Paradigma des postdramatischen Theaters."

"Weniger um den Widerstreit von Schein und Realität geht es, auch nicht um eine Verneinung jeglicher Signifikanz, sondern um eine Bewusstmachung von beidem. Wahrnehmungsprozesse und Bedeutungskonstruktionen werden hier zum Thema gemacht."

über Körper

"Das Material Körper kennt kein Sein sondern nur ein Werden, es unterliegt einer permanenten Veränderung und ist demgemäß nicht für die Herstellung eines abgeschlossenen ‚Werkes’ zu gebrauchen. Aufführungen mit menschlichen Körpern sind per se einmalig und unwiederholbar, doch ein spezifischer Umgang mit diesem eigenwilligen Material kann diese Eigenschaft hervorheben und die Wahrnehmung darauf verstärken."

über Sprache

"Die .. De-Semantisierung der Sprache im postdramatischen Theater, bei der es darum geht, die Sprache an die Grenzen von Sinn und Darstellung zu führen und die Stimme selbst zum Gegenstand zu machen, findet auch bei Showcase seine Entsprechung."

"Das Sprechen gehört in dem Moment nicht mehr der Figur. Vielmehr wird das Sprechen selbst zum Thema."

"Das Wissen des Performers wird zum Argument der Figur."

über Ironie

"Es gibt also einen Unterschied zwischen sich dem ‚Spiel als Spiel’ zwar bewusst zu sein, aber die Spielregeln zu akzeptieren und das ‚Spiel als Spiel’ ernst zu nehmen oder das ‚Spiel als Spiel’ permanent kommentiert zu sehen und in einer ständigen Verunsicherung zu sein, auf welcher Ebene man sich als Zuschauer befindet. In diesem Sinne ist das ironische Verfahren eine Möglichkeit, Eindeutigkeiten zu vermeiden und so erschließt der Zuschauer bei der Beantwortung der Fragen weniger das Gemeinte, sondern bezieht seine eigene Haltung. Die ironische Spielweise von Showcase ist Nachahmung von Handlung und distanzierter Kommentar zur gleichen Zeit. Weniger die vollständige Absage an Mimesis und Handlung wird angestrebt, sondern die Gleichzeitigkeit von Figur und ihrer Verneinung."

"Demnach lassen sich Darsteller und Zuschauer nicht klar in eine aktive und eine passive, eine produktive und eine rezeptive Beteiligung aufteilen, sondern es ist die jeweilige spezifische Wechselwirkung, die Feedback-Schleife zwischen den Instanzen, das Agieren und Reagieren auf beiden Seiten, die das theatrale Ereignis bestimmt. Theater ist nicht die Repräsentation eines abgeschlossenen Werks, sondern die Aufführung entsteht durch die Interaktion zwischen Darstellern und Zuschauern. Eine Theateraufführung ist demnach ein transitorisches Ereignis."

über Essen

"Essen als per se kommunikativer und gemeinschaftlicher Akt stiftet demnach auch im Theater zusätzlich eine gemeinschaftliche Atmosphäre. Indem die Pause weniger vereinzelt und individuell verbracht wird, sondern die Zuschauer mit den Darstellern zusammen im selben Raum verbleiben, wird ein Akzent auf die Gemeinschaft gelegt. Theater als gesellschaftliche Zusammenkunft und als Begegnungsstätte wird beim Akt des gemeinsamen Essens bewusster erfahrbar. Genauso wird mit dem Gestalten der Pause betont, dass das Theaterereignis durchaus weiter reicht, als die Aufführungssituation selber. Gespräche, Gedanken, psychisch-physisches Befinden eines jeden Zuschauers vor, nach und während der Aufführung beeinflussen das Theatererlebnis und gehören im gewissen Sinne dazu."

über Provokation

"Beachtlich und auch von vielen Kritikern und Theatermachern als ungewöhnlich bemerkt, ist der .. herbe Ton indem Showcase die Kinder ansprechen .. Damit brechen Showcase mit der Tradition des Kindertheaters, freundlich und nett zu den Kindern zu sein. Sie brechen auch mit der Tradition, den Kindern das Gefühl zu geben, dass diese Aufführung extra für sie gemacht ist, und sich explizit auf die Ebene der Kinder begibt. Im Gegenteil: Sie provozieren die Kinder und fordern sie heraus. Und nehmen sie genau in diesem Moment vielleicht ernst."

"Solche Begegnung im Theater überrascht also, .. Die Art des Tonfalls lässt Kinder ‚aufhorchen’ und versetzt sie in einen emotionalen, aufgeweckten Zustand, der die Aufführungen von Showcase als tatsächlich Ereignis wahrnehmen lässt."

was folgt

"Die prägendsten Erinnerungen nehmen nicht Momente der Erzählung ein, sondern die Ausstattung, der Tonfall und die Ironie. Keiner kann von der Hand weisen, ‚dass’ erzählt wird. ‚Was’ eigentlich erzählt wird, kann kaum einer prägnant zusammenfassen. Sicherlich kann der Inhalt von Räuber Hotzenplotz, Peterchens Mondfahrt und den Bremer Stadtmusikanten skizziert werden. Jedoch mehr aus dem Allgemeinwissen heraus, nicht aber wird das beschrieben, was Showcase erzählt hat.

"Alle drei Vorlagen beinhalten diese Aspekte des Bösen, Bedrohlichen, Provozierenden, Anarchischen und Anormalen, doch die Kindertheaterpraxis zeigt, dass sich im Grunde alle sehr wohl auch als ‚schönes, wahres und gutes’ Weihnachtsmärchen inszenieren lassen. So ist es Showcase zuzurechnen, dass sie diese Ebenen mit Lust verstärken und hervorheben.

"So fügt sich Showcase, auch wenn man die thematischen Aspekte der Stücke in ihrer Umsetzung nicht erkennen mag, durch ihre spezifische Ästhetisierung in ein postdramatisches Theater ein, welches einzig in der Vermittlung von Theater selbst, der Thematisierung von Wahrnehmungsvorgängen und Bedeutungskonstruktionen seinen inhaltlichen Wert sieht. Und so ist Showcase’s Kindertheater letztlich im wortwörtlichen Sinne ‚Theater-Pädagogik’."

"Bestand hat, dass Showcase Kindertheater anders ist. Es greift andere Aspekte des postdramatischen Theaters heraus und geht in manchen Punkten einen Schritt weiter als das bisherige experimentelle Kindertheater. Das Andere und Neuartige des postdramatischen Theaters für Kinder von Showcase zeichnet sich durch die ‚rohe’ Materialität der Mittel, den permanenten Fokus auf den Herstellungsvorgang und den Einfluss von Popkultur aus, insbesondere aber durch den ungewöhnlich rauen Tonfall und die Ironie, sprich durch das ‚Unpädagogische’. Und an dieser Stelle sei auch noch einmal der Hinweis auf den zutreffenden Begriff gegeben. Bei Showcase liegt der Begriff „Performance-Theater für Kinder“ besonders nahe, denn nicht die Verweigerung der dramatischen Form steht im Vordergrund, sondern der performative Umgang mit den Mitteln."

"Und sie machen Theater ihrer Zeit. Eine Zeit, in der es an Orientierung fehlt, in einer komplex verflochtenen, paradoxen Welt. Die gesellschaftliche Krise führt bei Showcase im Sinne der Postdramatik zu einer Skepsis gegenüber kohärenten Geschichten und eindeutigen Aussagen."


Die ganze Diplomarbeit zum Download
Die Autorin Hanna Biedermann